Geben Sie es zu: Wenn Sie das Wort „Lautsprecher“ lesen, assoziieren Sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine mehr oder weniger rechteckige Kiste mit fünf geschlossenen Seiten und einer vorn montierten Schallwand, die die Schallwandler trägt. Sie tun das nicht? Dann kommen Sie garantiert entweder aus dem High-End-Lager, oder Sie sind vom Fach und wissen, dass ein Lautsprecher etwas völlig anderes als eine Lautsprecherbox ist.
Zugegeben, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist die Assoziation zutreffend. Die Kiste mit den Lautsprechern drin dominiert seit Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen den Markt. Dennoch gibt es nach wie vor auch andere Konzepte: Neben reinen Hornsystemen sind vor allem Flächenlautsprecher und offene Schallwände („open baffle“) zu nennen. Die beiden Letzteren zeichnen sich vor allem durch ihre „Dipol-Charakteristik“ aus. Sie strahlen den Schall nicht wie die auch als Direktstrahler bezeichneten Boxen- und Hornsysteme kegelförmig nach vorn ab, sondern in Form einer Acht nach vorn und nach hinten. Neu ist diese Idee nicht. Vielmehr ist es die Urform der Schallwandlermontage, und mit dem der QUAD-ESL® erschien bereits 1957 der erste kommerziell erhältliche elektrostatische Vollbereichs-Flächenlautsprecher am Markt.
Was ist das Besondere an Dipol-Systemen?
Dass Dipol-Strahler sich insbesondere unter Klangästheten besonderer Beliebtheit erfreuen und gerade in den letzten Jahren eine Art Renaissance erfahren, hat einen einfachen Grund: Sie sorgen für ein überaus breites, räumliches Klangbild. Anders als die gerichtet abstrahlenden Direktstrahler sind sie überdies erstaunlich raumunkritisch, die oft aufwändige akustische Optimierung des Raums ist nicht erforderlich. Selbstverständlich entfallen auch alle Probleme mit Gehäuseresonanzen, die bei Lautsprechergehäusen durch Materialwahl, Verarbeitungsqualität und Dimensionierungsfehler auftreten können.Aber Lautsprecherboxen müssen doch auch Vorteile haben, werden Sie jetzt denken. Schließlich ist die Welt voller Boxen, während Flächenstrahler und Open-Baffle-Systeme eher ein hochpreisiges Nischendasein führen. Selbstverständlich haben sie die: Viele sind vergleichsweise kompakt und fühlen sich dank ihres nach vorn gerichteten Abstrahlverhaltens auch im Bücherregal oder in der Nähe von Wänden relativ wohl. Außerdem schützen Lautsprechergehäuse die Rückseite der Schallwandler, und sie erlauben mit einfachen Mitteln hohen Bassdruck. Vor allem für moderne, von elektronischer Klangerzeugung dominierte Musik, bei der die Hosenbeine und die Magengrube flattern sollen, ein Pluspunkt.
Gute Dipol-Strahler liefern auch satten Bass
Allerdings spricht die praktische Erfahrung dagegen, dass druckvolle Bässe einzig mit großen Kisten möglich werden. Den Beweis tritt beispielsweise der deutsche Hersteller Spatial Europe aus Ingolstadt an. „Wer glaubt, offene Schallwände seien bassarme Energievernichter, sollte sich von Spatial Europes MC Series No. 4 eines Besseren belehren lassen“, urteilt Helmut Hack in Ausgabe 5/2020 des High-End-Fachmagazins image hifi. Sein Kollege Volker Frech schwärmt im Februar 2021 im Magazin lite von „grandiosem Tiefton mit ungeahnter Leichtigkeit“, den er als „ungemein trocken, ohne jene Fettigkeit und Fülligkeit, die durch eine Box hervorgerufen wird“ beschreibt. „Der Klang ist frei von den verfälschenden Einflüssen, also den Resonanzen und Vibrationen des Gehäuses samt der Kompressionseffekte des Korpusvolumens.“
Spatial Europe: High-end Open Baffle made in Germany
Das Mastermind hinter Spatial Europe ist Robert Andorf, Chef von Mach One classics in Ingolstadt. „Life’s too short for boring hifi,“ verkündet er auf der Website seines Unternehmens, das seit 2010 die Produkte von Spatial Audio USA vertreibt, aber im Lauf der Jahre einige qualitative und klangliche Modifikationen vornahm und das Grundkonzept seit 2016 mit eigenen Modellen unter dem Namen Spatial Europe fortsetzt. Andorf legt hohen Wert auf Komponenten von ausgezeichneter Qualität, möglichst nachhaltiges Wirtschaften und eine weitgehend lokale Wertschöpfung. Die im Manufakturbetrieb per Hand gefertigten Lautsprecher entstehen daher aus Komponenten, die kleine, lokale Unternehmen zuliefern, etwa ortsansässige Schreiner, Maschinenbauer und Polsterer.
Auch der Lautsprecherstoff für Andorfs edle Open-Baffle-Systeme stammt selbstredend aus Deutschland, nämlich von Akustikstoff.com. Aber halt: wie passt ein Bespannstoff zum maximal reduktionistischen Konzept der offenen Schallwand? Schließlich wird insbesondere im High-End-Lager die Idee, edle Schallwandler hinter einem Bezugsstoff verschwinden zu lassen, überaus kritisch gesehen. Ist der Bespannstoff jedoch ausreichend schalltransparent, besteht kein Widerspruch. Entsprechend sind die Produkte von Akustikstoff.com auf den Fronten zahlreicher Produkte von Spatial Audio zu finden. Passend zu Naturholz-Finish etwa in dezentem Schwarz oder in knalligem Karminrot, das einen spannenden Farbkontrast zu einer Front in schwarzmatten Keramiklack setzt. Und nicht zuletzt auf der vom Ingolstädter Künstler Stephan Korisanski gestalteten „Arthouse Edition“ der MC Series N° 7.

